TREND Automotive: Der deutsche KI-Knopf

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Autobauer müssen sich hierzulande seit Jahren vorwerfen lassen, Trends zu verschlafen. Beim autonomen Fahren jedoch können sie als weltweite Innovationsführer scheinbar nur noch vom Gesetz gebremst werden.

Autonomes Fahren kommt. Und das schneller als viele vermuten, denn Anfang des kommenden Jahrzehnts soll es schon soweit sein. Hierzulande sind die Autohersteller für den Wandel nicht nur gut gerüstet, sondern treiben ihn aktiv voran. Ein aktueller Kurzbericht des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt, dass nicht nur knapp dreiviertel aller Premiumfahrzeuge weltweit aus Deutschland kommen, seit 2010 haben hiesige Unternehmen auch 52 Prozent der Patente zum autonomen Fahren angemeldet.

Unter den Top-10 rangieren sechs Unternehmen aus Deutschland – vier Hersteller und zwei Zulieferer (Tabelle). Google landet gerade einmal auf Platz 10. Bei den etablierten Autoherstellern entfallen fast 47 Prozent der weltweiten Patente auf deutsche Anbieter, bei den Autozulieferern sogar gut 75 Prozent. Allein Bosch bringt es fast auf tausend Patente, dreimal mehr, als der amerikanische Vorzeige-Elektromobilhersteller Tesla. Die ausländische Konkurrenz macht aber Boden gut. Allen voran Ford.

Für das hohe Innovationsniveau ist unter anderem der hohe Premium-Anteil an der einheimischen Produktion verantwortlich. Schließlich bringt die Kundschaft in den oberen Preissegmenten für Assistenzsysteme, teilautonomes und autonomes Fahren die entsprechende Zahlungsbereitschaft auf. Dazu kommt, dass grundsätzlich starke Marken bei der Entwicklung von autonomen Fahrzeugen einen Wettbewerbsvorteil darstellen.

So bringt denn auch Audi das erste Modell, das Level 3 des autonomen Fahrens beherrscht, in Serie. Der Chauffeur darf sich dabei abseits vom Lenken auch anderen Dingen zuwenden. Das reicht für einen Check der Emails oder für das Auflegen einer neuen „Platte“, ein Schläfchen ist aber nicht drin. Und wenn ihn das System akustisch oder optisch auffordert, wieder „Hand anzulegen“, muss er bereit sein.

BMW und Daimler fahren momentan noch auf Level 2. Allerdings steckt auch in Fahrzeugen anderer Hersteller Level-3-Hardware. Nur besteht eben zwischen autonom fahren können und autonom fahren dürfen noch ein gewaltiger Unterschied.

Erstes Level-3-Fahrzeug in Serie

Audi nennt sein System Audi AI Staupilot, AI für Künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence). Nach dem Drücken der „AI-Taste“ in der Mittelkonsole macht das Fahrzeug alles selbst, solange das Tempo 60 km/h nicht übersteigt. Wenn es sehr langsam wird, schleicht der A8 sogar am rechten Fahrbahnrand entlang, um eine Rettungsgasse zu bilden. Auch das unterscheidet ihn von vielen menschlichen Piloten.

Das System funktioniert auf allen Autobahnen und zweispurigen Straßen mit Mittelstreifen. Normale Landstraßen und Stadtverkehr sind tabu. Und wer schneller sein will, muss selbst lenken. Unter Audi AI versammeln sich aber auch andere intelligente Assistenzsysteme, etwa das für automatisches Parken.

Hardware-Mix aus aller Welt

Level-3-Fahrzeug Audi A8 (Bild: Audi)Erstmals verarbeitet beim Audi A8 ein zentrales Fahrerassistenzsteuergerät (zFAS) unter dem Fahrersitz alle Sensordaten und generiert so permanent ein Abbild der Fahrzeug-Umgebung. Die Aufgaben auf dem von Delphi gefertigtem Modul teilen sich ein Nvidia Tegra K1, ein EyeQ3 der Intel-Tochter Mobileye, das CycloneV-FPGA der Intel-Tochter Altera und ein Aurix von Infineon. Mit Wind River liefert eine weitere Intel-Tochter das Echtzeitbetriebsystem VxWorks. Eine Menge „Intel inside“ also im weltweit ersten Level-3-Fahrzeug. Und die Erkenntnis, dass Intel mit Nvidia kann.

Die konzertierte Aktion ist auch notwendig, denn das zFAS muss Daten aus einer ganzen Reihe unterschiedlichster Quellen verarbeiten (Bild). Neben Mittelstreckenradar, Ultraschallsensoren und 360-Grad-Kameras ist erstmals auch die leuchtende Variante des Radars, ein sogenanntes LiDAR (light detection and ranging) für die optische Abstands- und Geschwindigkeitsmessung von statischen und dynamischen Objekten an Bord. Die Verarbeitung der „Bilder“ basiert beim Audi 8 auf Deep Learning (Deep Neural Network, DNN).

Zum Marktstart wird der Staupilot des A8 wohl noch die Hände und Füße still halten müssen. Denn Level 3 ist aktuell in keinem Land der Erde erlaubt. Die im A8 schlummernden „Schätze“ werden daher nur nach und nach in Serie gehen, bevor sie ab 2020 – so jedenfalls das Bundesverkehrsministerium – alle auf der Strasse angekommen sein werden. Bis der Stau-Pilot bei Stau pilotieren darf, könnte der „Vorsprung durch Technik“ für Audi also dahingeschmolzen sein.

 

 

Staupilot (Bild: Audi)

Der Staupilot im ersten Level-3-Serienfahrzeug. (Bild: Audi).