Autonome Fahrräder: Call a Bike

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Mieträder verstopfen zunehmend europäische Großstädte. Um dem Abstellchaos Herr zu werden, sollen sie in Zukunft bei Bedarf „angeritten“ kommen.

Wer dieser Tage in europäischen Großstädten unterwegs ist, kämpft sich oft durch ein Heer nicht so schöner Zweiräder „smarter“ Bike-Sharing-Plattformen aus Asien. Allein die Firma Obike aus Singapur verstopft mit 7000 wildverstreuten Mieträdern die Stadt München. Das funktioniert prinzipiell wie Carsharing. Allerdings stehen oder liegen die Räder irgendwo an Straßen, in Parks, in Büschen oder „hängen an Bäumen“, denn feste Verleih-Stationen gibt es nicht. Im Gegensatz zum Autoverleih ist das Parkplatzangebot „leider“ unbegrenzt und der Fantasie der Nutzer sind keine Grenzen gesetzt.

Und da nicht wenige mit den neuen „Stadtbewohnern“ ziemlich lieblos umgehen, ja einen regelrechten Radl-Hass entwickeln, kämpfen die für Wartung, Reparatur und Umverteilung beauftragten, lokalen „Mobilitätspartner“ scheinbar auf verlorenem Posten.

Intakte autonome Fahrräder

Eine mögliche Lösung des Problems verspricht nun ein Team aus Maschinenbauern, Informatikern, Logistikern und Umweltpsychologen der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Ihr autonomes E-Bike soll schon bald auf Anfrage selbstständig zum Nutzer navigieren. So könnte eine Flotte elektrischer Leih-Fahrräder den öffentlichen und individuellen Nahverkehr ökologisch und ökonomisch ergänzen.

Die Bikes würden sich via App an jeden beliebigen Standort rufen lassen und nach der Nutzung autonom in ein zentrales Depot „zurückradeln“. Und mit variabel konfigurierbaren Aufsätzen ließen sich auch einfache Lasten, Kinder oder Haustiere befördern.

Ein Prototyp wird schon in den nächsten Wochen auf den Magdeburger Straßenverkehr getestet. Die Herausforderungen liegen dabei wie bei autonomen Fahrzeugen zu allererst in der fehlertoleranten Umgebungserfassung. Schließlich müssen auch autonome Fahrräder Hindernissen wie Autos, Fußgängern oder herumstehenden Mülltonne ausweichen. Und das bei jeder Witterung. Und wie bei den „Vierrädrigen“ benötigen sie dazu GPS, Kameras sowie Radar- und Laser-Scanner.

Zwischen Makro -und Mikromobilität bestehen also keine allzu großen Unterschiede. Denn beides erfordert eine Vielzahl ingenieurwissenschaftlicher, betriebswirtschaftlicher, sozial- und humanwissenschaftlicher Entscheidungen. So kann beispielsweise eine effektive Streckenführung wie etwa die Überquerung einer vielbefahrenen Straße ohne Ampel technisch, juristisch, aber auch wahrnehmungspsychologisch erhebliche Herausforderungen mit sich bringen.

Die Wissenschaftler versprechen sich von dem Projekt langfristig sinkende Unfallzahlen, steigenden Komfort und eine höhere Effizienz des Verkehrs. Schon ab 2020 könnte Magdeburg damit zum Vorreiter bei der Nutzung kleiner, umweltverträglicher autonomer Fahrzeuge werden. Selbstfahrende Fahrräder, die sich auf dem Breiten Weg eigenständig zwischen Hauptbahnhof und Unicampus bewegen, gehören dann vielleicht wie selbstverständlich zum Stadtbild.

Zum Projekt

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und ist in das Netzwerk kooperative Systeme NekoS eingebunden.

 

 

Autonome Fahrräder (Bild: Harald Krieg/Universität Magdeburg).

Das selbstfahrende E-Bike lässt sich über eine App zu jedem beliebigen Standort rufen. (Bild: Harald Krieg/Universität Magdeburg).