Telemedizin rettet „erstmals“ Leben

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Trotz vielversprechender Projekte hat die Telemedizin immer noch nicht Eingang in die Regelversorgung gefunden. Eine Studie, die erstmals nachgewiesen hat, dass sie das Leben von Herzpatienten verlängert, könnte dem Warten jetzt ein Ende bereiten.

Telemedizin steht wohl wie kaum ein anderer Bereich im Gesundheitswesen für den technischen Fortschritt. Aber trotz Ärztemangel etwa in ländlichen Gebieten und überlasteten Notaufnahmen waren ausschließliche Fernbehandlungen bislang verboten. Anfang des Jahres hatte der Ärztetag diese Einschränkung zumindest gelockert. Ärzte können nun ihre Patienten ohne vorherigen persönlichen Erstkontakt telefonisch oder per Internet „im Einzelfall“ behandeln.

Das Ausland ist da weit weniger restriktiv. So hat etwa das Londoner Internetportal DrEd nach eigenen Angaben im letzten Jahr 200 000 deutsche Patienten aus der Ferne betreut. Medgate in Basel spricht von mehr als zwölf Millionen Anrufen jährlich. Das Interesse wächst also rasant.

Hierzulande schaffen es trotz aller Lippenbekenntnisse nur wenige telemedizinischen Projekte über den Modellstatus hinaus. Eine Studie des IGES-Instituts im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung stellte Ende letzten Jahres fest, dass sie dann erfolgreich sind, wenn sie von hoch angesehenen Experten oder Institutio­nen vorangetrieben und von politisch starken Akteuren unterstützt werden.

Telemedizin wirkt

Das könnte jetzt passieren, denn das Bundesforschungsministerium (BMBF) fordert, dass die Fernbehandlung schon bald den Weg in die breite Versorgung finden soll. Grund sind die aktuellen Ergebnissen der Fontane-Studie (TIM-HF2) der Berliner Uniklinik Charité.

Sie konnten erstmals nachweisen, dass die telemedizinische Mitbetreuung das Leben von Herzpatienten verlängern kann. Die fünfjährige Studie, an der mehr als 1.500 Patientinnen und Patienten teilgenommen haben, wurde mit verschiedenen Partnern und in enger Kooperation mit zwei großen Krankenkassen durchgeführt.

Die Hälfte der Patienten wurde telemedizinisch mitbetreut, die andere Hälfte konventionell behandelt. Bundesweit gewährleisteten dabei 113 kardiologische und 87 hausärztliche Einrichtungen die Versorgung der Patienten am Wohnort. Ziel der Studie war es, Patienten möglichst lange außerhalb eines Krankenhauses zu behandeln und die Lebenserwartung sowie die Lebensqualität zu erhöhen. Zudem sollte überprüft werden, ob Telemedizin strukturelle Defizite der medizinischen Versorgung auf dem Land gegenüber städtischen Regionen ausgleichen kann.

Die Studienergebnisse zeigen, dass die Telemedizinpatienten weniger Tage aufgrund von ungeplanten kardiovaskulären Ereignissen im Krankenhaus verbringen mussten und länger lebten. Bezogen auf die einjährige Studiendauer „verloren“ sie 17,8 Tage im Vergleich zu 24,2 Tagen in der Kontrollgruppe. Zudem starben von 100 Herzinsuffizienzpatienten in einem Jahr unter den regulären Bedingungen etwa 11 Patienten, mit telemedizinischer Mitbetreuung hingegen etwa 8 Patienten. Auch bei den ungeplanten Krankenhaustagen wegen Herzinsuffizienz gab es mit 3,8 gegenüber 5,6 Tagen einen Vorteil für die Telemonitoring-Gruppe.

Ob der Patient in einer strukturschwachen ländlichen Gegend oder in einer Metropolregion lebte, hatte keinen Einfluss auf die Ergebnisse. Telemedizin kann also regionale Versorgungsunterschiede zwischen Stadt und Land ausgleichen und die Versorgungsqualität insgesamt verbessern.

Telemedizin – die Hardware

Zum Erfolg des Projektes trug nicht unwesentlich auch die einfache und alltagspraktikable Technik bei. Die Patienten erhielten lediglich vier Messgeräte: Ein Elektrokardiogramm (EKG) mit Fingerclip zur Messung der Sauerstoffsättigung, ein Blutdruckmessgerät, eine Waage sowie ein Tablet zur Selbsteinschätzung des Gesundheitszustands und die automatische Übertragung der Messwerte an das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité. Ärzte und Pflegekräfte bewerteten die Daten 24 Stunden täglich an sieben Tagen in der Woche. Bei einer Verschlechterung der Werte veränderten sie beispielsweise die Medikation, gaben Empfehlungen für einen ambulanten Arztbesuch oder eine Krankenhauseinweisung.

Die Studie zeigt erstmals, dass Telemedizin unabhängig vom Wohnort die Qualität der Patientenversorgung sichert. Damit könnte sie den Weg für ihren breiten Einsatz in Deutschland ebnen.

 


Erfahren Sie mehr über Telemedizin auf der electronica Medical Electronics Conference (eMEC) am 15. November 2018 in München.

 

 

 

Fontane-Studie (Bild: Möller/Charité).

Die telemedizinischen Messgeräte für die Patienten konnten einfach und alltagspraktikabel gehalten werden. (Bild: Möller/Charité).