Hearables: Der Coach im Ohr

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Smarte Kopfhörer werden wohl das nächste große Ding. Ob Kopfhörer oder Hörgerät – in naher Zukunft sollen sie den Fitness-Coach, Dolmetscher oder sogar Arzt ersetzen.

Noch fristen Ohrhörer trotz Bluetooth und Noise-Cancelling als „Anhängsel“ von Smartphones oder Smartwatches ein wenig spektakuläres Dasein. Doch diese Tage scheinen gezählt. Geht es nach Gartner, werden sie Smartphones und Wearables in vielen Bereichen ersetzen. Und was die Verkäufe angeht, sollen im Jahr 2022 etwa 115 Millionen Smartwatches dann über 153 Millionen sogenannter „Hearables“ gegenüber stehen. Damit machen sie schon bald über dreißig Prozent des Wearable-Marktes aus.

Den avisierten Siegeszug verdanken die „Ohrstöpsel“ allerdings nicht ihrer ursprünglichen Bestimmung als Klanglieferanten. Klar, sie übertragen immer noch Sound jeglicher Art, unterdrücken Geräusche oder stellen sich neuerdings sogar auf das individuelle Frequenzprofil des Trägers ein. Die neuen „In-Ear-Devices“ kommen aber zusätzlich vollgepackt mit Microcontrollern und Sensoren, haben Zugang zu Cloud-KIs sowie virtuellen Sprachassistenten und genügen dem Konzept „Zero Touch“. Damit erfüllt sich der Traum einer Computernutzung ohne Bildschirm, Touchpad, Maus oder Tastatur. Alles geschieht per Sprachsteuerung.

Start-ups lieben Hearables

Einer der Vorreiter des Hearable-Booms ist das Münchner Start-up Bragi. Mit dem „Dash Pro“ zeigen sie, wie viel Musik in einem Bluetooth-Kopfhörer steckt. Er misst als Fitnesstracker Herzfrequenz, Schritte sowie Atemzüge und berechnet daraus ohne Smartphone-Untersützung die Distanzen, Geschwindigkeiten und die verbrauchten Kalorien. Bis zu 1.000 Songs finden in dem 4-Gigabyte-Speicher Platz. Und in Verbindung mit der App „iTranslate“ verwandelt sich der Kopfhörer in einen In-Ear-Dolmetscher. Außerdem kommuniziert er mit Siri, Google Now und Alexa.

Echtzeit-Übersetzungsdienste via Cloud und Smartphone-App bieten unter anderen auch „Pilot“ vom New Yorker Start-up Waverly Labs oder Googles „Pixel Buds“ an. Ganz dem Fitness Coaching mit Hilfe von künstlicher Intelligenz verschrieben haben sich dagegen die Ohrstöpsel „Vi“ von LifeBEAM – einem Hersteller von Helmen mit Vitalparametermessung für Kampfpiloten. In den Winzlingen stecken ein Beschleunigungsmesser, Kreiselkompass, Barometer und ein Herzfrequenz-Sensor. Nach ein paar Stunden Training beginnt der „kleine Mann im Ohr“ auf Basis der gesammelten Daten mit dem Coaching. Im Gegensatz zu herkömmlichen Trackern bekommt man so schon während des Trainings Verbesserungsvorschläge, um etwa die Schrittlänge oder das Tempo beim Laufen zu optimieren.

„Seriöse“ Hearables

Wie schon bei den Wearables wird auch bei den Hearables nach dem Consumer-Hype die Entwicklung professioneller Medizinprodukte folgen. Den Anfang macht die Ermittlung von Vitalparametern wie Pulsfrequenz, Herzratenvariabilität, Körpertemperatur und Sauerstoffsättigung durch die Kombination unterschiedlicher Sensorik. Dabei ist besonders die optische Pulsfrequenzmessung per LED im Ohr nicht so fehlerbehaftet wie etwa am Handgelenk. Der Kopf bewegt sich weniger, es gibt weder Muskeln noch Bänder, und im Gehörgang ist es dunkel.

Auch kann das Aktivitäts-Tracking und – Coaching bei Kranken oder Senioren als Basis für eine ganze Reihe sinnvoller Anwendungen dienen. Und mit Trägheitssensoren ausgestattete Hearables taugen außerdem als Sturzmelder. So schickt etwa das KI-gesteuerte Hörgerät „Livio AI“ von Starkey eine Textnachricht an einen Notfallkontakt, wenn der Träger hinfällt.

Im Gegensatz zum Lifestyle-Bereich stellt die „Medizin“ allerdings ganz andere Anforderungen hinsichtlich Zuverlässigkeit und Datensicherheit. Besonders letztere muss vor der Übertragung von gesundheitsrelevanten Informationen geklärt sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hearables

Der Coach im Hearable "Vi" passt seine Anweisungen an den Trainingsstand, die Gewohnheiten und die Ziele der Läuferinnen an. (Bild: Harman Kardon).