Transistor No. 9: Geburtshelfer der deutschen Mikroelektronik

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Einen der weltweit ersten Transistoren verschlug es vor etwa siebzig Jahren nach Deutschland, wo er den Start der deutschen Halbleiterindustrie markierte. Verschlungene Pfade führten ihn damals nach München, wo er seit Anfang des Jahres im Deutschen Museum zu bestaunen ist.

Etwas älter als siebzig Jahre ist er nun – der Transistor. Und was Physiker und Elektrotechniker alleine im letzten Jahrzehnt aus diesem unscheinbaren „Dreifüssler“ gezaubert haben, bestimmt mittlerweile nahezu alle Bereiche unseres Lebens. Die ersten Patente dazu meldete der österreichisch-ungarische Physiker Julius Edgar Lilienfeld schon im Jahr 1925 an. An eine Realisierung war zu der Zeit allerdings nicht zu denken, auch weil es an reinem Halbleitermaterial mangelte. So dauerte es über zwanzig Jahre, bis am 23. Dezember 1947 Wissenschaftler der Bell Laboratories den ersten funktionierenden Bipolartransistor während einer internen Demonstration präsentierten.

Transistor No. 9 auf Umwegen

Von diesen ersten Transistoren verschlug es 1952 die „Nummer 9“ nach Deutschland, wo sie maßgeblich am Aufbau der deutschen Halbleiterindustrie mitwirkte. Wenig später verschwand der Transistor No. 9 dann in einer roten Streichholzschachtel, wo er bis 2006 schlummerte.

Mit in der Schachtel ein handschriftlicher Zettel des Münchner Siemens-Mitarbeiters H. W. Fock vom 5. November 1952. „Einliegend senden wir Ihnen, wie verabredet, den Bell-Transistor 1768, Nr. 9.“ Erst 2006 tauchte der Vergessene wieder auf. Ein langjähriger Siemens-Mitarbeiter im Ruhestand hatte ihn bei sich zu Hause aufgehoben. Er präsentierte den Transistor seinen staunenden Kollegen und übergab ihn dem Historischen Archiv von Infineon.

Transistor No. 9 und der „Kalte Krieg“

Bis dahin hatte der Transistor No. 9 schon eine abenteuerliche Reise hinter sich: Die Bell-Laboratorien hatten für den Mai 1952 einhundertsechzig Wissenschaftler zu einem internationalen Transistoren-Symposium eingeladen, wo sie ihre Erfindung vorstellten. Darunter vier Mitarbeiter der Siemens & Halske AG – gegen eine stolze Gebühr von 25 000 Dollar. Strikte Geheimhaltung war dabei Pflicht, sollte doch die Zukunftstechnologie nicht in die Hände des Ostblocks gelangen. Unternehmen aus dem Westen wollte man jedoch als Lizenznehmer gewinnen.

Ausschlaggebend für diese ungewöhnliche „Offenheit“ war wohl die Anti-Trust-Politik der US-Regierung. Denn die Bell-Laboratorien bekamen ab 1949 staatliche Aufträge zur Erforschung der Transistortechnologie. In diesen Verträgen wurde die Verpflichtung verankert, die erzielten Forschungsergebnisse kostengünstig an Lizenznehmer weiterzugeben. Damit wollten die USA mit Staatsgeldern entwickelte Technologien auch anderen Firmen zugänglich machen.

Die neuesten Forschungsergebnisse aus den Bell-Laboratorien und die dazugehörigen Transistor-Muster bildeten dann die Grundlage für eine Halbleiterfabrik in München Ende 1952. Die ersten ab 1953 hergestellten Spitzen-Transistoren TS13 und TS33 sahen denn auch ihrer Verwandtschaft aus den Bell-Laboratorien zum Verwechseln ähnlich.

Neue No. 1 im Deutschen Museum

Die „Nummer 9“ ist nun der Star der jetzigen Mikroelektronik-Ausstellung im Deutschen Museum, der 2020 eine umfassende Dauerschau Elektronik folgen wird. Zu bewundern ist mit dem Transistron auch das europäische Gegenstück der US-Erfindung. Der deutsche Physiker Herbert Franz Mataré entwickelte diesen ersten europäischen Transistor zusammen mit Heinrich Welker in einem Labor in Paris – unabhängig von und fast zeitgleich mit den Amerikanern. Aber trotz besserer Rauschwerte und einer höheren Lebensdauer sowie Stabilität blieb dem europäischen Transistron die kommerzielle Verwertung versagt. Wesentliche theoretische Vorarbeiten zum Transistor erfolgten übrigens in Österreich und Deutschland bereits in den 1920er und 1930er Jahren. Damals suchten Forscher eine Alternative zur Elektronenröhre (Triode).

 

 

 

Transistor No.1 (Bild: Deutsches Museum)

Der neue Star der Elektronikausstellung im Deutschen Museum. (Bild: Deutsches Museum)