electronica

Sie sind interessiert an noch mehr Infos rund um die Elektronik-Industrie? Dann melden Sie sich hier zum Newsletter an!

Anmelden | Nein, danke

TEILEN

Elektrozeutika: Strom statt Pillen

Technologie für flexible Mikroimplantate (Quelle: gesundheitsindustrie-bw.de)

Technologie für flexible Mikroimplantate (Quelle: gesundheitsindustrie-bw.de)

Die Bioelektronik ist eines der spannendsten Zukunftsthemen der medizinischen Forschung. Drahtlose elektronische Mikroimplantate, die Nervensignale manipulieren, sollen künftig chronische Krankheiten wie Asthma und Diabetes heilen.

Es begann mit einem Frosch. Im Jahr 1780 entdeckte der italienische Arzt und Biophysiker Luigi Galvani in einem Experiment mit Froschschenkeln, dass Muskeln kontrahieren, wenn sie mit zwei verschiedenen Metallen in Berührung kommen. Galvani glaubte, einer geheimnisvollen tierischen Elektrizität auf die Spur gekommen zu sein. Tatsächlich hatte er aber einen Stromkreis aus Eisen, Kupfer und der Körperflüssigkeit des Tieres als Elektrolyt gebildet – und damit die Grundlage für die Erkenntnis gelegt, dass elektrische Impulse den Körper kontrollieren. Nicht nur beim Frosch, sondern auch beim Menschen.

Bioelektronische Medizin, die mit Hilfe implantierbarer Sensoren Organfunktionen überwacht und elektrische Stimulation anwendet, um Körperfunktionen zu verändern, gibt es schon länger: Herzschrittmacher, Cochlea- oder Retinaimplantate zum Beispiel. Auch die Behandlung des peripheren Nervensystems durch elektrische Impulse wird bereits praktiziert. Neuromodulation mit implantierten Stimulatoren kommt heute insbesondere bei chronischen Schmerzen, Depression und Parkinson zum Einsatz. Die Funktion von Organen und Immunsystem hängen mit den Aktivitäten des Nervensystems eng zusammen. Fast alle Zellen des Körpers werden direkt oder indirekt durch die Aktivität neuronaler Schaltkreise beeinflusst.

Neuromodulation (ONS) bei chronischen Schmerzen (Quelle: Schmerzklinik.de)

Neuromodulation (ONS) bei chronischen Schmerzen (Quelle: Schmerzklinik.de)

Neue Generation bioelektronischer Medizin

Herkömmliche Sensoren haben einige Nachteile. Häufig sind sie per Kabel mit der Außenwelt verbunden. So werden etwa Sensoren, die bei Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma die Parameter des Gehirns überwachen, per Kabel mit einem externen Monitor verdrahtet. Die perkutanen Leitungen verursachen Wunden und bergen Infektionsgefahr. Langzeitimplantate lösen oft Immunreaktionen aus. Außerdem müssen die Geräte später operativ entfernt werden – wieder ein Eingriff, der Risiken birgt.

Abhilfe verspricht eine neue Generation bioelektronischer Medizin: Elektrozeutika, im englischen Sprachraum Electroceuticals genannt – im Gegensatz zu chemischen Medikamenten wie Tabletten und Infusionen, den Pharmazeutika (Englisch: Pharmaceuticals). Die intelligenten, personalisierbaren Mikroimplantate sollen am Nervensystem andocken und mit elektrischen Impulsen gezielt Nervensignale manipulieren. Ziel ist es, unregelmäßige oder veränderte Signale wie sie für viele Krankheiten charakteristisch sind anzupassen. Auf diese Weise, so hoffen Forscher, könnte es bald möglich sein, chronische Krankheiten zu heilen oder ihre Symptome zu mildern. So sollen sich künftig beispielsweise Arthritis, Asthma und Epilepsie kurieren lassen.

Drahtlos, minimalinvasiv und ohne Nebenwirkungen

Herkömmlichen Elektronikimplantaten gegenüber haben Elektrozeutika signifikante Vorteile: Die Einführung der Mikrogeräte ist minimalinvasiv. Derzeit werden winzigkleine Elektrozeutika entwickelt, die ein Leben lang in Nerven, Muskeln und Organen verbleiben können sollen, um dort den Metabolismus der Zellen zu beobachten und regulativ einzugreifen. Die Biosensoren sollen drahtlos arbeiten und minimalen Energiebedarf haben.

Schädliche Nebenwirkungen? Gibt es nicht, sagen die Wissenschaftler. Während Medikamente systemisch arbeiten, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen also in vielen Regionen des Körpers entfalten, setzen die Mikroimplantate nur dort an, wo die Ursache der Erkrankung liegt. „Das Schwierige dabei ist, Hunderte von Nervensignalen auseinander zu halten, die auf ein Organ einwirken und von ihm ausgehen. Schließlich soll das Gerät ja nur das Signal verändern, das den gewünschten Effekt auslöst und nicht diejenigen, die auf Funktionen in andern Körperregionen einwirken“, erklärt Bioingenieur Brian Litt von der University of Pennsylvania. Das sei eine „Mammutaufgabe“.

Nerven, Muskeln und Organe lassen sich auch über lange Strecken beeinflussen. Der Vagus zum Beispiel – einer der längsten Nerven – führt vom Hirnstamm durch den Bauchraum und verbindet das Nervensystem des Darms mit dem Gehirn. Der Vagus ist an der Regulation der Tätigkeit fast aller Organe beteiligt. In einer klinischen Studie gelang es dem kalifornischen Biotech-Unternehmen SetPoint Medical den Vagus-Nerv mit einem Elektroimplantat so zu stimulieren, dass die Produktion eines entzündungsfördernden Botenstoffes gehemmt wurde. Bei 18 Versuchspatienten konnten auf diese Weise Symptome rheumatoider Arthritis derart gemildert werden, dass sie wieder schmerzfrei Hemden zuknöpfen konnten.

Nervenstaub 

Elektrozeutikum: Der in einen Rattenerv implantierte Sensor mit Elektroden misst nur 3 x 1×1 Millimeter. Die Daten werden per Ultraschall ausgelesen. Quelle: Berkeley University of California

Elektrozeutikum: Der in einen Rattenerv implantierte Sensor mit Elektroden misst nur 3 x 1×1 Millimeter. Die Daten werden per Ultraschall ausgelesen.
Quelle: Berkeley University of California

Seit Jahren arbeiten Wissenschaftler und Pharmakonzerne an Mikrogeräten, die Nervenimpulse beeinflussen. Die meisten Projekte befinden sich im experimentellen Stadium.

Einen Meilenstein in Sachen Miniaturisierung erzielte die kalifornische Berkeley-Universität. Dort wurde ein Sensor entwickelt, der so klein wie ein Sandkorn ist. Das implantierbare, draht- und batterielose Gerät hat man in die Muskeln und peripheren Nerven einer Ratte eingesetzt, wo es per Ultraschall die Körperwerte ausliest. Damit sich das Minigeräte irgendwann auch in das menschliche Gehirn einpflanzen lässt, entwickeln die Ingenieure einen noch kleineren Biosensor in Staubkorngröße – „Nervenstaub“ (Neural Dust) genannt. Das würfelförmige Gerät soll nur 0,05 Millimeter hoch sein. Fernziel des Neural-Dust-Projekts ist es, „die nächste Generation der Mensch-Maschine-Schnittstelle“ zu schaffen, sagt Neurowissenschaftler Ryan Neely.

Selbst-auflösende Hirnsensoren

An der Washington University School of Medicine in St. Louis gelang es in Zusammenarbeit mit der University of Illinois, ein Sensorimplantat zu bauen, das kabellos Daten zu Schädelinnendruck und Gehirntemperatur liefert und vom Körper nach einigen Wochen rückstandsfrei abgebaut wird.

Der winzige Chip besteht aus Silikon und Polylactid-co-Glycolid. Das sind Stoffe, die der Körper in kleinen Menge problemlos abbaut. Die Materialien seien „medizinisch unbedenklich“, erklärt Professor John A. Rogers von der University of Illinois: „In einer Vitamintablette kommen sie in 1.000-fachen Anzahl vor.“ Die Forscher implantierten Laborratten die Sensoren ins Gehirn. Die Geräte lieferten Daten von ähnlicher Qualität wie herkömmliche Implantate – und verschwanden anschließend spurlos aus den Gehirnen der Versuchstiere. Die Wissenschaftler planen, das System bald auch an Menschen zu testen.

Google und GSK erobern Bioelektronik-Markt

GlaxoSmithKline kooperiert mit Verily in bioelektronischer Medizin (Quelle: healthcaremarketing.eu)

GlaxoSmithKline kooperiert mit Verily in bioelektronischer Medizin
(Quelle: healthcaremarketing.eu)

Noch nie haben sich Unternehmen mit einer derartigen wirtschaftliche Schlagkraft dem Thema Elektrozeutika gewidmet wie das jüngste Joint-Venture des britischen Pharmakonzerns GlaxoSmithKline (GSK) und Verily, einer Tochtergesellschaft von Google-Mutter Alphabet. Mehr als 620 Millionen Euro wollen sie in den nächsten sieben Jahre in ihr neu gegründetes Unternehmen Galvani Bioelectronics investieren. Der Pharmariese und der IT-Gigant haben angekündigt, Mikro-Implantate für das periphere Nervensystem außerhalb des Gehirns und Rückenmarks zu bauen. Damit sollen sich chronische Volkskrankheiten wie Diabetes, Arthritis und Asthma behandeln lassen. Ein riesiger Markt. Zulassungen für erste Produkte möchte Galvani im Jahr 2023 beantragen.

GSK-Entwicklungschef und Galvani-Geschäftsführer Kris Famm ist überzeugt, dass Mikro-Elektrozeutika auch bei neurologischen Krankheiten wie Alzheimer zum Einsatz kommen werden. „Andere Player werden versuchen, das zentrale Nervensystem zu modulieren“, sagt Famm. Erst einmal müsse man jedoch „die elektrischen Schaltkreise im Gehirn entwirren“ und herausfinden, wo man überhaupt ansetzen soll. Das sei „sehr viel komplexer“ als Signale in der Nähe eines Körperorgans zu verändern.

Herz, Lunge und Bauchspeicheldrüse bald hackbar?

Anlass, sich Sorgen zu machen? – Möglicherweise. Schließlich können Elektrozeutika Daten senden und empfangen und lassen sich mit anderen Geräten vernetzen. Könnte also jemand die elektronischen Implantate hacken und dann die Lunge kollabieren lassen oder das Herz zum Stillstand bringen? Famm hält solche Horrorszenarien für übertrieben: „Ein peripherer Nerv ist kein USB-Stick für das zentrale Nervensystem.“ Niemand könne sich mal eben an einen Nerv in der Bauchspeicheldrüse anschließen und darüber Gedanken kontrollieren.

Es gibt noch viele Herausforderungen. Zum Beispiel sind die bislang eingesetzten Implantate, Nervenkontakte und Stimulationsmuster recht grobschlächtig verglichen mit der Anatomie und dem Signalmuster der vielen gleichzeitig aktiven Nervenzellen. Weder ist es mit heutiger Technik möglich, einzelne Zellen in definierten Schaltkreisen zu kontaktieren und selektiv zu stimulieren, noch lassen sich Aktivitätsmuster in Zellverbänden erzeugen, die dem Muster der natürlich auftretenden Aktionspotentiale entsprechen. Auch Ethik- und Akzeptanzfragen gilt es zu klären und die Datenschutzproblematik.

electronicalogo-rand-rot-rechts-dünn

Erfahren Sie alles über Sensorik in der Medizin, Robotik, Luftfahrt, Raumfahrt sowie in Automobilen in Halle B1 und auf dem electronica Forum in Halle A3 am Highlight-Tag “Wearables & Healthcare”.

Technologie für flexible Mikroimplantate (Quelle: gesundheitsindustrie-bw.de)

Technologie für flexible Mikroimplantate (Quelle: gesundheitsindustrie-bw.de)

Die Bioelektronik ist eines der spannendsten Zukunftsthemen der medizinischen Forschung. Drahtlose elektronische Mikroimplantate, die Nervensignale manipulieren, sollen künftig chronische Krankheiten wie Asthma und Diabetes heilen.

Es begann mit einem Frosch. Im Jahr 1780 entdeckte der italienische Arzt und Biophysiker Luigi Galvani in einem Experiment mit Froschschenkeln, dass Muskeln kontrahieren, wenn sie mit zwei verschiedenen Metallen in Berührung kommen. Galvani glaubte, einer geheimnisvollen tierischen Elektrizität auf die Spur gekommen zu sein. Tatsächlich hatte er aber einen Stromkreis aus Eisen, Kupfer und der Körperflüssigkeit des Tieres als Elektrolyt gebildet – und damit die Grundlage für die Erkenntnis gelegt, dass elektrische Impulse den Körper kontrollieren. Nicht nur beim Frosch, sondern auch beim Menschen.

Bioelektronische Medizin, die mit Hilfe implantierbarer Sensoren Organfunktionen überwacht und elektrische Stimulation anwendet, um Körperfunktionen zu verändern, gibt es schon länger: Herzschrittmacher, Cochlea- oder Retinaimplantate zum Beispiel. Auch die Behandlung des peripheren Nervensystems durch elektrische Impulse wird bereits praktiziert. Neuromodulation mit implantierten Stimulatoren kommt heute insbesondere bei chronischen Schmerzen, Depression und Parkinson zum Einsatz. Die Funktion von Organen und Immunsystem hängen mit den Aktivitäten des Nervensystems eng zusammen. Fast alle Zellen des Körpers werden direkt oder indirekt durch die Aktivität neuronaler Schaltkreise beeinflusst.

Neuromodulation (ONS) bei chronischen Schmerzen (Quelle: Schmerzklinik.de)

Neuromodulation (ONS) bei chronischen Schmerzen (Quelle: Schmerzklinik.de)

Neue Generation bioelektronischer Medizin

Herkömmliche Sensoren haben einige Nachteile. Häufig sind sie per Kabel mit der Außenwelt verbunden. So werden etwa Sensoren, die bei Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma die Parameter des Gehirns überwachen, per Kabel mit einem externen Monitor verdrahtet. Die perkutanen Leitungen verursachen Wunden und bergen Infektionsgefahr. Langzeitimplantate lösen oft Immunreaktionen aus. Außerdem müssen die Geräte später operativ entfernt werden – wieder ein Eingriff, der Risiken birgt.

Abhilfe verspricht eine neue Generation bioelektronischer Medizin: Elektrozeutika, im englischen Sprachraum Electroceuticals genannt – im Gegensatz zu chemischen Medikamenten wie Tabletten und Infusionen, den Pharmazeutika (Englisch: Pharmaceuticals). Die intelligenten, personalisierbaren Mikroimplantate sollen am Nervensystem andocken und mit elektrischen Impulsen gezielt Nervensignale manipulieren. Ziel ist es, unregelmäßige oder veränderte Signale wie sie für viele Krankheiten charakteristisch sind anzupassen. Auf diese Weise, so hoffen Forscher, könnte es bald möglich sein, chronische Krankheiten zu heilen oder ihre Symptome zu mildern. So sollen sich künftig beispielsweise Arthritis, Asthma und Epilepsie kurieren lassen.

Drahtlos, minimalinvasiv und ohne Nebenwirkungen

Herkömmlichen Elektronikimplantaten gegenüber haben Elektrozeutika signifikante Vorteile: Die Einführung der Mikrogeräte ist minimalinvasiv. Derzeit werden winzigkleine Elektrozeutika entwickelt, die ein Leben lang in Nerven, Muskeln und Organen verbleiben können sollen, um dort den Metabolismus der Zellen zu beobachten und regulativ einzugreifen. Die Biosensoren sollen drahtlos arbeiten und minimalen Energiebedarf haben.

Schädliche Nebenwirkungen? Gibt es nicht, sagen die Wissenschaftler. Während Medikamente systemisch arbeiten, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen also in vielen Regionen des Körpers entfalten, setzen die Mikroimplantate nur dort an, wo die Ursache der Erkrankung liegt. „Das Schwierige dabei ist, Hunderte von Nervensignalen auseinander zu halten, die auf ein Organ einwirken und von ihm ausgehen. Schließlich soll das Gerät ja nur das Signal verändern, das den gewünschten Effekt auslöst und nicht diejenigen, die auf Funktionen in andern Körperregionen einwirken“, erklärt Bioingenieur Brian Litt von der University of Pennsylvania. Das sei eine „Mammutaufgabe“.

Nerven, Muskeln und Organe lassen sich auch über lange Strecken beeinflussen. Der Vagus zum Beispiel – einer der längsten Nerven – führt vom Hirnstamm durch den Bauchraum und verbindet das Nervensystem des Darms mit dem Gehirn. Der Vagus ist an der Regulation der Tätigkeit fast aller Organe beteiligt. In einer klinischen Studie gelang es dem kalifornischen Biotech-Unternehmen SetPoint Medical den Vagus-Nerv mit einem Elektroimplantat so zu stimulieren, dass die Produktion eines entzündungsfördernden Botenstoffes gehemmt wurde. Bei 18 Versuchspatienten konnten auf diese Weise Symptome rheumatoider Arthritis derart gemildert werden, dass sie wieder schmerzfrei Hemden zuknöpfen konnten.

Nervenstaub 

Elektrozeutikum: Der in einen Rattenerv implantierte Sensor mit Elektroden misst nur 3 x 1×1 Millimeter. Die Daten werden per Ultraschall ausgelesen. Quelle: Berkeley University of California

Elektrozeutikum: Der in einen Rattenerv implantierte Sensor mit Elektroden misst nur 3 x 1×1 Millimeter. Die Daten werden per Ultraschall ausgelesen.
Quelle: Berkeley University of California

Seit Jahren arbeiten Wissenschaftler und Pharmakonzerne an Mikrogeräten, die Nervenimpulse beeinflussen. Die meisten Projekte befinden sich im experimentellen Stadium.

Einen Meilenstein in Sachen Miniaturisierung erzielte die kalifornische Berkeley-Universität. Dort wurde ein Sensor entwickelt, der so klein wie ein Sandkorn ist. Das implantierbare, draht- und batterielose Gerät hat man in die Muskeln und peripheren Nerven einer Ratte eingesetzt, wo es per Ultraschall die Körperwerte ausliest. Damit sich das Minigeräte irgendwann auch in das menschliche Gehirn einpflanzen lässt, entwickeln die Ingenieure einen noch kleineren Biosensor in Staubkorngröße – „Nervenstaub“ (Neural Dust) genannt. Das würfelförmige Gerät soll nur 0,05 Millimeter hoch sein. Fernziel des Neural-Dust-Projekts ist es, „die nächste Generation der Mensch-Maschine-Schnittstelle“ zu schaffen, sagt Neurowissenschaftler Ryan Neely.

Selbst-auflösende Hirnsensoren

An der Washington University School of Medicine in St. Louis gelang es in Zusammenarbeit mit der University of Illinois, ein Sensorimplantat zu bauen, das kabellos Daten zu Schädelinnendruck und Gehirntemperatur liefert und vom Körper nach einigen Wochen rückstandsfrei abgebaut wird.

Der winzige Chip besteht aus Silikon und Polylactid-co-Glycolid. Das sind Stoffe, die der Körper in kleinen Menge problemlos abbaut. Die Materialien seien „medizinisch unbedenklich“, erklärt Professor John A. Rogers von der University of Illinois: „In einer Vitamintablette kommen sie in 1.000-fachen Anzahl vor.“ Die Forscher implantierten Laborratten die Sensoren ins Gehirn. Die Geräte lieferten Daten von ähnlicher Qualität wie herkömmliche Implantate – und verschwanden anschließend spurlos aus den Gehirnen der Versuchstiere. Die Wissenschaftler planen, das System bald auch an Menschen zu testen.

Google und GSK erobern Bioelektronik-Markt

GlaxoSmithKline kooperiert mit Verily in bioelektronischer Medizin (Quelle: healthcaremarketing.eu)

GlaxoSmithKline kooperiert mit Verily in bioelektronischer Medizin
(Quelle: healthcaremarketing.eu)

Noch nie haben sich Unternehmen mit einer derartigen wirtschaftliche Schlagkraft dem Thema Elektrozeutika gewidmet wie das jüngste Joint-Venture des britischen Pharmakonzerns GlaxoSmithKline (GSK) und Verily, einer Tochtergesellschaft von Google-Mutter Alphabet. Mehr als 620 Millionen Euro wollen sie in den nächsten sieben Jahre in ihr neu gegründetes Unternehmen Galvani Bioelectronics investieren. Der Pharmariese und der IT-Gigant haben angekündigt, Mikro-Implantate für das periphere Nervensystem außerhalb des Gehirns und Rückenmarks zu bauen. Damit sollen sich chronische Volkskrankheiten wie Diabetes, Arthritis und Asthma behandeln lassen. Ein riesiger Markt. Zulassungen für erste Produkte möchte Galvani im Jahr 2023 beantragen.

GSK-Entwicklungschef und Galvani-Geschäftsführer Kris Famm ist überzeugt, dass Mikro-Elektrozeutika auch bei neurologischen Krankheiten wie Alzheimer zum Einsatz kommen werden. „Andere Player werden versuchen, das zentrale Nervensystem zu modulieren“, sagt Famm. Erst einmal müsse man jedoch „die elektrischen Schaltkreise im Gehirn entwirren“ und herausfinden, wo man überhaupt ansetzen soll. Das sei „sehr viel komplexer“ als Signale in der Nähe eines Körperorgans zu verändern.

Herz, Lunge und Bauchspeicheldrüse bald hackbar?

Anlass, sich Sorgen zu machen? – Möglicherweise. Schließlich können Elektrozeutika Daten senden und empfangen und lassen sich mit anderen Geräten vernetzen. Könnte also jemand die elektronischen Implantate hacken und dann die Lunge kollabieren lassen oder das Herz zum Stillstand bringen? Famm hält solche Horrorszenarien für übertrieben: „Ein peripherer Nerv ist kein USB-Stick für das zentrale Nervensystem.“ Niemand könne sich mal eben an einen Nerv in der Bauchspeicheldrüse anschließen und darüber Gedanken kontrollieren.

Es gibt noch viele Herausforderungen. Zum Beispiel sind die bislang eingesetzten Implantate, Nervenkontakte und Stimulationsmuster recht grobschlächtig verglichen mit der Anatomie und dem Signalmuster der vielen gleichzeitig aktiven Nervenzellen. Weder ist es mit heutiger Technik möglich, einzelne Zellen in definierten Schaltkreisen zu kontaktieren und selektiv zu stimulieren, noch lassen sich Aktivitätsmuster in Zellverbänden erzeugen, die dem Muster der natürlich auftretenden Aktionspotentiale entsprechen. Auch Ethik- und Akzeptanzfragen gilt es zu klären und die Datenschutzproblematik.

electronicalogo-rand-rot-rechts-dünn

Erfahren Sie alles über Sensorik in der Medizin, Robotik, Luftfahrt, Raumfahrt sowie in Automobilen in Halle B1 und auf dem electronica Forum in Halle A3 am Highlight-Tag “Wearables & Healthcare”.

0

Silizium-Boost für Lithium-Ionen-Akkus

Lithium-Ionen-Akku (Bild: pixabay).

Elektroautos werden um Lithium-Ionen-Akkus herum gebaut. Und die sind zu teuer, zu groß und halten den Wagen nicht lange genug am Rollen. Dabei könnten verblüffend kleine Änderungen der Elektromobilität sogar hierzulande zum Durchbruch verhelfen. mehr

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Laden...

Elektroautos werden um Lithium-Ionen-Akkus herum gebaut. Und die sind zu teuer, zu groß und halten den Wagen nicht lange genug am Rollen. Dabei könnten verblüffend kleine Änderungen der Elektromobilität sogar hierzulande zum Durchbruch verhelfen. mehr

0

Vom iPhone zum “Eye Phone”

Sony Playstation VR

Augmented Reality (AR) ist viel mehr als nur eine Brille, durch die man in eine andere Welt entschlüpft. Mit Gartner erwartet ein weltweit führendes Beratungsinstitut sogar, dass die Technologie zu einer grundlegenden Veränderung “menschlicher Gewohnheiten” führen könnte. mehr

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Laden...

Augmented Reality (AR) ist viel mehr als nur eine Brille, durch die man in eine andere Welt entschlüpft. Mit Gartner erwartet ein weltweit führendes Beratungsinstitut sogar, dass die Technologie zu einer grundlegenden Veränderung “menschlicher Gewohnheiten” führen könnte. mehr

0

electronica Fast Forward, die Start-up Plattform der electronica, präsentiert vielfältige Innovationen

Eingang_neu

Von Weiterentwicklungen des 3D-Druckverfahrens über intelligente Thermostate bis hin zum neuartigen Smart Home Gateway: Im Rahmen von electronica Fast Forward können Besucher zahlreiche vielversprechende Ideen, Prototypen und Produkte entdecken. Wir stellen die ersten Highlights schon jetzt vor. mehr

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Laden...

Von Weiterentwicklungen des 3D-Druckverfahrens über intelligente Thermostate bis hin zum neuartigen Smart Home Gateway: Im Rahmen von electronica Fast Forward können Besucher zahlreiche vielversprechende Ideen, Prototypen und Produkte entdecken. Wir stellen die ersten Highlights schon jetzt vor. mehr

0

Olympiasieger auf vier Rädern

BladeGlider

Lange Zeit war es still um das einstige Showcar von Nissan. Jetzt düst es während der Olympischen Spiele durch Rio und versorgt VIPs und Journalisten mit Glückshormonen. mehr

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Laden...

Lange Zeit war es still um das einstige Showcar von Nissan. Jetzt düst es während der Olympischen Spiele durch Rio und versorgt VIPs und Journalisten mit Glückshormonen. mehr

0

Wenn sie fortfahren, erklären sie sich mit dem Gebrauch von Cookies einverstanden. weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Klicken Sie auf "Akzeptieren" um sich damit einverstanden zu erklären.