INTERVIEW: Smartes Stöffchen

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Pulsuhren, Fitness-Apps oder Schrittzähler – wer sich bewegen will oder muss, dem kann digital geholfen werden. Ein neues „Hemd“ verfolgt jetzt einen professionelleren Ansatz.

Das Forschungsfeld Medizintechnik am Fraunhofer IIS bietet Lösungen in den Bereichen medizinische Bildverarbeitung, computer-assistierte Diagnoseunterstützung, Vitalsensorik, Biosignalverarbeitung, medizinische Kommunikation, Studien und Anwendungen sowie Risiko- und Qualitätsmanagement. Seit 2009 leitet Christian Weigand die Abteilung „Bildverarbeitung und Medizintechnik“.

 

1. Digitale Fitness-Begleiter schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Was unterscheidet Ihr FitnessSHIRT von den unzähligen Smartphone-Fitness-Coaches?

Christian Weigand: Unser System ist eine Kombination aus App und einem „smarten“ T-Shirt, das nicht nur Bewegungen trackt oder den Puls misst. Das T-Shirt erfasst darüber hinaus die Atmung des Trägers und kann die Herzratenvariabilität (HRV) bestimmen.

 

2. Wie genau erfasst Ihr Sporttextil die Werte?

Christian Weigand: Das Shirt erfasst mit zwei textilen Elektroden das Puls-EKG genau und berechnet daraus die HRV. Darüber hinaus misst ein integriertes Atmungsband die Atemfrequenz

 

3. Welche Technologien stecken dahinter?

Christian Weigand: Im Wesentlichen die textile Integration eines 1-Kanal-EKS sowie die Atmungs und Bewegungsbestimmung mit einer kleinen, stromsparenden Sensoreinheit, die am Shirt getragen wird. Die so ermittelten Messdaten werden dann per Bluetooth Low Energy an ein Smartphone übermittel, wo sie gespeichert und zur Anzeige gebracht werden.

 

4. Die Funktionen des schlauen Stöffchens könnten doch in Zukunft auch in der Altenpflege, für Reha-Patienten oder Telemedizin gute Dienste leisten?

Christian Weigand: In der Tat adressieren wir speziell den Telemedizin- und Reha-Markt mit dieser Technologie. Unser Industriepartner ambiotx möchte den Markteintritt zunächst mit hohen Stückzahlen im Sport- und Freizeitbereich angehen, bevor von kardiologischen Risikopatienten bis zur Atmungserfassung im Babystrampler auch der Medizintechnik-Markt adressiert wird.

 

5. Ist das FitnessSHIRT als Medizinprodukt zugelassen? Welche Voraussetzungen muss es dazu erfüllen?

Christian Weigand: Im Moment wird durch die Firma ambiotex nur der Sport- und Freizeit-Markt adressiert und trägt daher keine MPG-Zulassung (Medizinproduktegesetz). Spätere Telemedizinprodukte werden dann aber auch MPG-konform etwickelt. Hierfür ist die Medizintechnikabteilung des Fraunhofer IIS auch bereits nach der ISO 13485 für die Entwicklung von Medizinprodukten zertifiziert.

 

6. Sie entwickeln weiter an dem Projekt? Welche Funktionen sollen in Zukunft dazukommen?

Christian Weigand: Die zukünftigen Herausforderungen liegen natürlich in der stromsparenden Elektronik einerseits und der automatischen Auswertung gerade von medizinischen Notfällen auf der anderen Seite. Je mehr Daten zu messen und zu übertragen sind, desto größer ist der Strombedarf. Hier muss für die einzelnen Anwendungsfälle der günstigste Tradeoff gefunden werden.

 

7. Wann und wo wird man das Shirt kaufen können? Gibt es schon Preisvorstellung?

Christian Weigand: Das Shirt soll im Herbst von der Fa. Ambiotex zu einem Preis von ca. 250-350€ auf den Markt kommen. Interessenten können sich schon jetzt auf der Homepage registrieren.

Danke für das Interview.

www.iis.fraunhofer.de
www.ambiotex.com

 

 

Christian Weigand, Fraunhofer IIS

Christian Weigand leitet am Fraunhofer IIS die Abteilung „Bildverarbeitung und Medizintechnik“.